Shakespeare is Jol(ie)ly.

Ein theatriges Début nahm das Jahr 2016. So war der Vorhang 2015 kaum abgestaubt, da saß ich schon wieder in den roten Sesseln. Wie die älteren Leser von euch wissen, steht théâtre bei mir regelmäßig im Agenda (der dieses Jahr im übrigen von Rifle Paper & Co kommt und wirklich eine Merveille ist; und damit meine ich nicht diese cremige Patisserie aus dem Norden).DSCF9041

Ersteinmal muss gesagt werden, dass der Sonntag mittlerweile zu einem Theatertag geworden ist. Es hat etwas für sich, entspannt Métro zu fahren und einen Café vor einem Stück an der Theaterbar zu schlürfen, währenddessen die Zuschauer die Terrasse durchblättern oder sich von ihrer Woche erzählen.

Was wurde nicht alles gezeigt : Le canard sauvage von S. Braunschweig, Bettencourt Boulevard von M. Vinaver, Le retour au désert von A. Meunier, Argument von P. Rambert… Doch ein metteur en scène beschäftigte mich tatsächlich 24h – Thomas Jolly.

Zum allerersten Mal sah ich ein Theaterstück im Kino. Gut, hin-und wieder sehe ich eines auf Arte Concert oder Culturebox (was ich jedem nur empfehlen kann). Und da ich so gut wie nie ins cinoche gehe, hatte das etwas von “Erfahrung”. Und was für eine: Henry VI, 18 Stunden im MK2 Grand Palais. Samstag und Sonntag. Zum Glück regnete es an dem Wochenende, also war das Gewissen mit dem trockenen Ausflug im reinen. Der Kinosaal ist ziemlich klein, doch, da wir nur 20 Personen waren, hatte jeder genug Platz sich auszudehnen. Das Herz hatte mir am Morgen einen Beutel choucettes aus der Boulangerie mitgebracht. Damit, einer großen Wasserflasche, warmen Socken und einem dicken Pullover machte ich es mir bequem. Die Vorhänge verdeckten den Pont Alexandre, die Spannung stieg… Schon nach dem ersten Akt war mir bewusst, es hier mit einem Wunderknaben zu tun zu haben (auch wenn mir die familiären Zusammenhänge der Personen nicht ganz klar war, aber das liegt am Schreiberling). Am Ende eines jeden Aktes musste ich die Hand vor den Mund halten, um nicht laut “oh mon dieu” zu brüllen. Alles stimmte: Licht, Kostüm, amusement, Intrige, Schatten – alles. Jeder Schauspieler wusste, was er da tat, ging in seiner Rolle vollkommen auf. Merveilleux. Wie betrunken, schritt ich abends nach Hause und konnte vor Nervosität kaum schlafen. Sonntag, wir waren nur noch acht Personen, lief der zweite Teil und war ebenso überraschend, grandios. In der Pause sammelte ich die Gedanken im Café Minipalais. Da war gerade Teezeit und kleine Kuchen wurden gereicht. Es war ein so tolles Ambiente, das ich allerdings kaum wahr nahm (daher steht das ganz oben auf der Ausflugsliste). Alles in allem war es wirklich erstaunlich und die 18 Stunden verflogen im nichts. Was für eine grandeur und folie dahinter steckte!

Allerdings hörte es nicht damit auf. Die Fortsetzung Richard III wurde im Odéon gezeigt. Schon am Tag nach Henry VI saß ich früh vor dem Computer und versuchte händeringend Karten zu bekommen. Der Erwartungshorizont glühte. Der Abend kam. Die Hände waren ganz zittrig. 4h30 später war ich ernüchtert. Die Inszenierung, also Dekor, Licht, Musik, Kostüme, war spektakulär. Doch etwas fehlte. Der gruselige Charakter des albtraumhaften Königs war nicht ganz getroffen. Wo war der sensible, unschuldige Charme, der bestialisch wirkt?  Davon abgesehen, war es frech, blutrünstig, schwarz. Rockig. Laut. Vermutlich war es auch letzteres. Die Intrigen wurden in Dolby Surround gesponnen; das nahm etwas von der geheimnisvollen Bosheit.

Nichtsdestotrotz kann man nur den chapeau vor Jolly ziehen. Die Energie, die in diesen 24 Stunden steckt, der Wille und die Begeisterung für die shakesperarische Geschichte waren eindeutig zu spüren und dafür verdient er wirklich ungeteiltes Lob. Ein grand moment auf der Bühne, den jeder gesehen haben sollte!

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