La parole au continent.

Wenn die Erde auf der wir laufen, tanzen, demonstrieren, streiten, umherziehen, reden könnte, was hätte sie uns wohl alles zu sagen? In dem Stück « Je suis Fassbinder » bekommt unser Kontinent eine Stimme. Daraus ergibt sich ein zitternder, verständnisloser Vortrag, der einem Erdbeben gleich kommt und von wütenden, ängstlichen Gedanken unterstützt wird.

Falk Richter und Stanislas Nordey haben in dem Stück « Je suis Fassbinder » ihren Bedenken zum aktuellen europäischen Chaos freien Lauf gelassen. Ihre Parolen wurden von Thomas Gonzales, Judith Henry, Eloise Mignon, Stanislas Nordey und Laurent Sauvage vorgetragen. Als Eckpfeiler dient Fassbinders cinematographisches Werk; seine starken Frauenbilder, seine Arbeit zu Deutschland Herbst 1976.

Zu dieser Zeit befand sich Deutschland, aufgrund der Anschläge der RAF, im Ausnahmezustand. Dreißig Jahre später, Neujahr 2016, Kölner Hauptbahnhof. Richter nimmt dieses medien- und gesellschaftlich hysterische Ereignis zum Ausgangspunkt, woraus sich eine Diskussion über die Flüchtlingskrise, Regierungsformen, Terrorismus, Daech und der Aufstieg der rechtsextremen Parteien ergibt. Was ist tatsächlich an dem Abend passiert? Was hat es ausgelöst? Hätte, wäre – Hypothesen werden aufgezählt, doch man versteht die Angst, die Wut, das Gefühl von Machtlosigkeit – all die Gedanken, die müde und schwer machen und die von den Personen vorgetragen werden, als Zuschauer sehr gut. Denn wir setzen uns ebenfalls jeden Tag mit diesen Problematiken auseinander. Hin-und wieder hat man Lust einzuschreiten, mitzudiskutieren,bei provokanten Argumenten aufzuspringen und mit dem Programmheft zu werfen. Schließlich wird der Konflikt auf der Bühne gezeigt : Die Angst vor dem Unbekannten und eine Art « Leichtigkeit » mit welcher so viele ihre Stimme dem Rechtsextremismus geben. Die Frage der Schuld. Die Suche nach Unterstützung. Was können wir tun? Doch, gibt es das « Wir » überhaupt? Das Stück zeigt ebenfalls, wie alleine jeder Einzelne mit seiner Meinung dasteht. Kann man ein « Wir » erreichen, kreieren, ohne nationalistisch die Faust gen Himmel zu heben? Was kann aber ein Einzelner ansonsten bewirken? Kann es einen « Anführer » geben, ohne das Schreckensbilder im Kopf hochkommen? Europa brüllt unterdessen den Bewohnern entgegen: Ihr habt schon lange den Boden verloren.

Die Inszenierung ist dynamisch, in jeder Hinsicht, die Schauspieler « spielen » überzeugend und leidenschaftlich (in Anführungszeichen, da man nicht umhinkommt sich zu fragen, wieviel eigene Meinung wohl in den Aussagen steckt.. An manchen Stellen scheint es als würden sie den Spielraum verlassen und persönlich vortreten. Oder scheint das nur so, weil der Zuschauer jedes Argument schon selbst im Kopf durchgespielt hat ?). Hinzu kommen Ausschnitte aus Fassbinders Filmen, Bilder werden auf dem Boden ausgelegt, Musik wird eingespielt, eine Kamera nimmt ein paar Szenen auf und zwei Stunden lang findet ein Schlagabtausch zwischen 1976 und 2016 statt. Bilder zeigen Soldaten auf öffentlichen Plätzen, Marine Le Pen, Putin, Flüchtlinge – es ist als würde man sich in den Archiven einer Zeitung befinden und auf einmal würden die Regale über dem Kopf zusammen brechen. Ein visueller, gedanklicher Sturm, der über Deutschland, Frankreich hinwegfegt und ein wahres szenisches Chaos hinterlässt. In welche Richtung gehen? Nicht mehr schlafen können? Zeitung lesen oder nicht? Frustration und Erschöpfung. Sie nehmen das Publikum bis in den letzten Rang ein. Niemand ist unruhig oder verlässt den Saal. Alle sind gespannt. Auf das Ende. Was werden sie sagen? Werden sie eine Lösung anbringen? Nein, es endet in wahrer, aktueller, realistischer Verzweiflung. Das Publikum ist begeistert, applaudiert minutenlang –  es ist ein verdienter Applaus für ein großartiges Stück. Es zeigt, dass Aktualität sehr wohl im Theater funktioniert und nicht mittels Shakespeare, Tchekhov versucht werden muss, alte Werte wieder ins Gedächtnis zu rufen. Es ist eine gelungene Einladung dazu, an- und auszusprechen, was jeden von uns bewegt, beschäftigt. Man steht am Ende vor einem gigantischen Fragezeichen. Was daraus werden wird : ? Vielleicht kommt die Antwort in einem Theaterstück in 30 Jahren.

 

Je suis Fassbinder, noch bis zum 4.Juni 2016 im Théâtre La Colline : http://www.colline.fr/fr/spectacle/je-suis-fassbinder

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