Ein Triumphspiel.

Es gibt jede Saison Theaterkreationen, die dem Zuschauer die Ohren durchpusten, die Haare zersausen, die Erstaunkapazität prüfen und das persönliche Applausbarometer zum Wackeln bringen.

Ein solcher Moment ergab sich vor Kurzem im Théâtre Gerard Philipe, Saint-Denis (http://www.theatregerardphilipe.com/cdn/). Vom Tag müde, hatte ich kaum Lust in die Kälte zu marschieren um mich von einem müffelnden RER in die Vorstadt kutschieren zu lassen. Meine Gedanken waren woanders, was sich darin zeigte, das ich die Empfangsdame nicht nach meiner bestellten Platzkarte, sondern nach einem Zimmer fragte, woraufhin sie in ein herrliches Lachen verfiel. Ich plumpste auf meinen Sitz und stellte fest, dass der Saal bis obenhin voll war. Auf der Bühne, die ersten Schauspieler. Einer lag im Bett, eine andere saß hinter einer Tür, die Musiker positionierten sich auf der ersten Etage des Dekors (ist euch auch schon aufgefallen, das viele Produktionen  mittlerweile Gebäude darstellen?). Der Theaterdirektor, Jean Bellorini, lief durch den Saal, das Herz gluckste und…. prachtvolles Theater brach über uns hinein.

« Der Selbstmörder » von Nicolai Erdman, gespielt vom Berliner Ensemble (www.berliner-ensemble.de), inszeniert von Jean Bellorini, war bzw. ist eine Perle. Schon beim ersten Satz (« Haben wir noch Wurst in der Küche? ») saß ich gefesselt auf meinem Platz und ließ die Lungen lachen, die Augen über die Bühne fliegen. Der Spagat zwischen Absurdidät und Kritik war sauber, fehlerlos. Die Schauspieler waren großartig. Und als der Hauptdarsteller auf einen Tisch sprang und « Creep » von Radiohead zum Besten gab, sagte der Verstand wieder einmal, das es sich lohnt über die Stadtgrenze zu fahren, um fabelhaftes Theater zu erleben.

Worum es geht? Tiefstes Russland. Ein arbeitsloser Mann, seine Frau, seine Schwiegermutter. Ein Missverständnis zu Beginn sorgt dafür, das seine Frau glaubt, ihr Mann wolle sich das Leben nehmen. Sie alarmiert daraufhin ihren Nachbar, der zur moralischen Hilfe eilt und dem Gatten die Leviten liest. Nach dieser Standpauke zieht der arme Kerl erst recht los, um sich eine Waffe zu besorgen. Daraufhin sprechen verschiedene Personen bei ihm vor und bitten ihm, sich in ihrem Namen umzubringen (für die Liebe, die Intellektuellen, die Landwirtschaft, etc.). Wofür er sich entscheidet, soll hier offen bleiben, denn solltet ihr die Gelegenheit haben, dieses Stück zu sehen, dann lasst alles stehen und liegen und eilt in euren schnellsten und rutschfestesten Schuhen los.

Die Szenographie ist, wie immer bei Bellorini, bis ins kleinste Detail durchdacht. Musik, Schnee, Lichtkreationen – alles ist schlüssig und zerläuft wie Schokolade in einem Bain-Marie. Die Frage « Wofür lohnt es sich zu leben? » wird clever gestellt (ohne das man das Gefühl hat, einer Seifenoper beizuwohnen). Wer kann auf Hilfe hoffen? Wie die Aufmerksamkeit auf Dringlichkeiten richten? Wie weiterleben, wenn man am Abgrund zu stehen scheint? Die Kritik am russischen Leben dieser Zeit ist vortrefflich und ist, trotz humorvollen Darstellungen, durchaus spürbar.

Ja, jetzt sollte auch dem Letzten klar geworden sein, dass dieses Stück bei mir zu enthusiastischen Höhenflügen geführt hat.

Bis bald und genießt das Wochenende !

http://www.theatregerardphilipe.com/cdn/le-suicide-1

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